Der „Schmerzkörper“ ist eine interessante und sehr hilfreiche Wortschöpfung von Eckhart Tolle.

Er versteht darunter die Summe des Leidens, das wir im Lauf unseres Lebens in uns selbst ansammeln. Der Schmerzkörper hat sich aus unseren gewohnten, ständig wiederholten Reaktionen auf dieses Leiden gebildet. Man kann diesen Schmerzkörper sogar messen und beobachten! z.B. durch bildgebende Verfahren, in bestimmten Areale in unserem Gehirn!

Eine Traumatisierung z.B. hinterlässt ihre Spuren im Gehirn. Die Stimmen in unserem Kopf führen ein Eigenleben. Meistens fühlen wir uns diesen Stimmen ausgeliefert

Das, was wir denken oder fühlen, füllt uns ganz aus, es besitzt uns.

Es braucht nur einen bestimmten Anlass und sofort reagieren wir so, wie wir es gewohnt sind und wie unser Schmerzkörper schon immer darauf reagiert hat. Auf diese Weise ernähren wir den Schmerzkörper immer wieder.

Beispiel:

Wir waren in der Kindheit nicht ausreichend umsorgt und fühlten uns verlassen.

Jede Erfahrung von Verlassenheit wird dann diese frühe und prägende Erinnerung erneuern und bestätigen. Wir reagieren auf einen gefühlten Entzug von Zuwendung sehr heftig und interpretieren das nicht nur aus der aktuellen Situation heraus, sondern wir fühlen unsere ganze Geschichte unserer Verlassenheit auf einmal in uns.

Der Schmerzkörper liegt im Unbewussten

Wir deuten unser Erleben mit Hilfe des Schmerzkörpers und geben ihm auf diese Weise wieder Nahrung und bekräftigen seinen Schmerz.

„Ja, da ist es wieder: ich bin einsam und verlasse“. Aber dieses Gefühl hat mehr mit der Erinnerungen unseres Schmerzkörpers zu tun, als mit der aktuellen Situation.

Wir können wir  frei werden von den körperlichen und seelischen Mustern, die uns an den Schmerzkörper binden?

1. Den Schmerzkörper fühlen

Der erste Schritt ist, sich bewusst zu werden, dass ich einen Schmerzkörper habe.

Dazu brauche ich Präsenz und innere Aufmerksamkeit, um den Schmerzkörper zu fühlen und wahrzunehmen. Ich werde mir dann bewusst, dass er da ist und mich beeinflusst. Und das immer dann, wenn er sich regt. Also nicht allgemein, sondern konkret:

„Jetzt gerade geht es wieder los. Ich erlebe und deute diese Erfahrung durch meinen Schmerzkörper.“

Das ist der erste und wichtigste Schritt! Die bewusste Gegenwärtigkeit durchbricht den Schmerzkörper und löst ihn auf.

In der Regel bekämpfen wir den Schmerz mit anderen Strategien.

Durch Betäuben, indem wir die Schuld an schmerzliches Erleben auf andere abwälzen.

Dann sind andere dafür zuständig, dass wir Schmerz empfinden.

Wir können auch versuchen, ihn durch andere Mittel zu betäuben:  z.B. durch Alkohol oder Medikamente. Oder man belohnt sich z.B. mit dem Konsum von Süßem.

Diese Strategien waren vielleicht eine Zeit lang hilfreich, irgendwann aber sind sie es nicht mehr. Der Schmerz staut sich an und wir werden ernsthaft krank.

Ich kenne Menschen, die denken noch Jahrzehnte über eine erlebte Ungerechtigkeit nach. Diese Menschen erfahren die Wirklichkeit dann durch diese Brille und sehen mit den Augen und dem Herzen des Schmerzkörpers.

Der Schmerzkörper ruft nach Rache.

Er bewirkt, dass ich mich klein und schuldig fühle, oder verletzt, übergangen, benachteiligt. Ich bin dann mit meinem Schmerzkörper identifiziert und alles scheint so zu sein, wie er sagt.

Und doch ist der Schmerzkörper nichts anderes als meine höchst persönliche Erfahrung der Wirklichkeit und meine Reaktion darauf. Er ist die Ansammlung der körperlichen und seelischen Muster, die mich schützen sollen und mit denen ich meine Angst zu bewältigen versuche. Daher hat der Schmerzkörper eine wichtige Funktion für uns.

Bevor wir also fragen, wie wir vom Schmerzkörper frei werden können, ist es wichtig, zu spüren, was wir an ihm haben.

Was habe ich davon, mit diesem Schmerzkörper zu leben?

Der Schmerzkörper gibt mir ja auch Sicherheit.

Er sagt mir, was richtig und was falsch ist. Ich kann mich mit seiner Hilfe orientieren und kann unangenehme Situationen oder Menschen von mir fern halten. Und der Schmerzkörper sagt mir, dass ich angenehme Erfahrungen brauche, um mich wohl zu fühlen. Also lehrt mich der Schmerzkörper, das Angenehme zu suchen und das Unangenehme zu meiden.

Der Schmerzkörper mag keine Achtsamkeit

Der erste Schritt ist also, den Schmerzkörper zu spüren und in der Situation zu bemerken, dass er mich im Griff hat. Es ist also nicht das Problem, einen Schmerzkörper zu haben. Wir haben alle einen. Niemand hat keinen oder ist schon frei davon.

Entscheidend ist der Moment der Achtsamkeit.

Das ist der Augenblick, in dem wir realisieren, wie ein gewohnter Gedanke in uns auftaucht. Und dann zu bemerken, wie dieser Gedanke, diese Sichtweise auf mich wirkt.

Dafür ist es hilfreich, einen guten Kontakt zum eigenen Körper zu haben und ihn zu spüren.

Was geschieht, wenn ich einen bestimmten Gedanken denke? Nehmen wir als Beispiel, irgendeinen Streit mit meinem Nachbarn oder einem anderen Menschen. Was nehme ich in mir wahr, wenn ich daran denke? Was spüre ich im Körper? Vielleicht einen Kloß im Hals, Enge in der Brust, ein mulmiges Bauchgefühl? Was passiert mit der Atmung, wenn ich an dieses Thema denke?

Der Körper lügt nicht.

Der Körper weiß, wenn etwas weh tut. Der Verstand weiß es oft nicht, da er nach Erklärungen sucht. Und solange er eine Erklärung sucht oder eine findet, spürt er nicht.

Der Schmerzkörper zehrt von meinen Gedanken. Das ist seine Nahrung.

Wenn ich die Gedanken von ihm abziehe und ihn spüre, dann wird der Schmerzkörper leiser und verstummt mit der Zeit ganz. Der Schmerzkörper mag es gar nicht, wenn man ihn bemerkt und durchschaut. Das ist das ganze Geheimnis: den Schmerzkörper so sein lassen wie er ist. Ihn nicht ändern wollen. Ihn ganz spüren, fühlen und mit der Erfahrung sein. Interessanter weise mag er diese freundliche und mitfühlende Zuwendung gar nicht. Widerstand dagegen mag er sehr gerne.

Wie kann ich von ihm frei werden?

Einfach dadurch, dass ich den Schmerzkörper fühle; dass ich ihn zulasse; dass ich erlebe, was schmerzt; dass ich ihn bemerke.

Das widerspricht den gewohnten Strategien im Umgang mit dem Schmerz, der Kontrolle und der Vermeidung oder Ablenkung. Und darum braucht es ein großes Maß an Wachheit und Aufmerksamkeit. Das kann und muss man wohl auch üben und trainieren.

Wenn ich gegenwärtig bin, bekommt der Schmerzkörper keine Energie.

Der Schmerzkörper nährt sich von Erinnerungen an Vergangenes und von Befürchtungen im Blick auf die Zukunft. Bin ich verbunden mit meinem gegenwärtigen Erleben, verschwindet der Schmerzkörper. Du kannst nicht ganz anwesend sein, ganz aufmerksam und zugleich deinen Schmerzkörper ernähren. Beides geht nicht gleichzeitig.

Wechselwirkungen von Schmerzkörpern in Beziehungen

Jeder Mensch strahlt eine Atmosphäre, ein Energiefeld aus, das seiner inneren Verfassung entspricht. Unser mentaler und emotionaler Zustand bleibt nicht verborgen.

Unser Schmerzkörper reagiert auch auf andere Menschen und natürlich besonders gerne mit deren Schmerzkörpern.

Liebesbeziehungen sind häufig Beziehungen zwischen Schmerzkörpern, die besonders gut zueinander passen.

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Ein unsicherer Mensch sucht einen Menschen, der eher Sicherheit ausstrahlt.

Das fühlt sich erst mal gut an. Bis der Sichere vielleicht bemerkt, dass er gar nicht mehr so sicher ist.

Oder der Unsichere auf einmal sicherer wird. Dann passen die Schmerzkörper nicht mehr und es gibt intensive Konflikte, die nicht leicht zu durchschauen sind.

Der Schmerzkörper hilft beim Erwachen

Der Schmerzkörper ist aber auch eine große Hilfe zum „Erwachen“. Wenn mein Leiden nicht mehr zu ertragen ist, bin ich möglicherweise kurz vor der Erlösung! Oft braucht es dazu eine Krise, das jetzt wirklich alles ausweglos ist.

Dann kann ich mir entweder das Leben nehmen oder aufwachen.

Die Identifikation mit dem Schmerzkörper aufheben

Jemand mit einem starken, aktiven Schmerzkörper strahlt eine bestimmte Energie aus, die andere als sehr unangenehm empfinden. Man würde sich vielleicht am liebsten davon machen, aus dem Kontakt gehen. Die Atmosphäre dieses Menschen schreckt ab.

Es kann auch sein, dass man in sich eine Welle von Aggressivität spürt. Man reagiert grob, greift den Betreffenden verbal an, es entsteht viel Streit.

Das bedeutet, dass solche Leute etwas ausstrahlen, was mit dem eigenen Schmerzkörper mitschwingt. Wenn wir auf andere stark reagieren, können wir sicher sein, dass dasselbe auch in uns lebt. Es ist mein eigener Schmerzkörper, der so stark auf den anderen reagiert.

Wer einen stark aktivierten Schmerzkörper hat, gerät leicht und häufig in Konflikte.

Es braucht ein hohes Maß an Aufmerksamkeit, um auf jemand mit einem aktiven Schmerzkörper nicht sofort zu reagieren.

Wenn es mir gelingt, präsent zu bleiben und aus der Aufmerksamkeit heraus zu reagieren und nicht aus meinem eigenen Schmerzkörper heraus, kann ich dadurch in der Beziehjung etwas auflösen. Es kann geschehen, dass meine Präsenz die andere Person in die Lage versetzt, ebenfalls die Identifikation mit ihrem Schmerzkörper aufzugeben.

Mit dem Schmerzkörper freundlich reden

Eine weitere Hilfe ist es, mit dem Schmerzkörper freundlich zu reden und ihn zu befragen. Das hört sich vielleicht erst einmal komisch an, aber probiere es mal aus.

Du kannst z.B. mitfühlend fragen: „was macht dich so bedrückt? „ Und dann wird der Schmerzkörper dir wieder die Geschichten von damals erzählen.

Dann kannst du bemerken, dass du dich im Augenblick gar nicht in der schmerzlichen Situation befindest.

Du kannst z.B. bemerken, dass du hier ganz ruhig auf einem Stuhl sitzt.Du kannst spüren, wie dein Atem fließt. So kannst du hier und jetzt präsent werden und spüren, was jetzt gerade ist.

Von da aus kannst du freundlich mit dem Schmerzkörper sprechen und zu ihm sagen:

„Mein lieber Schmerzkörper, du bist mir sehr vertraut. Ich kenne dich gut, du besuchst mich zu jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit und verlangst nach meiner Aufmerksamkeit. Aber weißt du, mein lieber Schmerzkörper, jetzt hab ich gerade einfach keine Zeit für dich. Ich schnipple gerade Gemüse oder putze die Küche oder schreibe einen Artikel. Du musst dich leider damit abfinden, dass ich jetzt keine Zeit für dich habe. Aber ich verspreche dir, ich werde mir bestimmt wieder Zeit für dich nehmen, und dann halte ich dich liebevoll und ich gebe dir die Wärme und die Aufmerksamkeit, die du brauchst.“

So ungefähr könntest du mit deinem Schmerzkörper reden.

Man könnte den Schmerzkörper auch als inneres Kind verstehen. Mit jedem Kind, das leidet, versuchen wir freundlich zu sprechen. So auch mit uns selbst und dem eigenen inneren Kind, das aus irgendwelchen Gründen zu kurz gekommen ist.

Der Schmerzkörper hätte sicher Verständnis, wenn wir so mit ihm sprechen würden. Er würde sich verstanden fühlen und könnte sich eine Weile zurückziehen. Doch wenn wir ihn bekämpften, wenn wir ihn überspielen, wenn wir die Welt durch die Brille unseres Schmerzkörpers sehen, dann bekommt der Schmerzkörper Auftrieb.

Mit Liebe und Mitgefühl können wir einen Abstand zwischen uns und unseren Schmerzkörper bringen.

Mitgefühl ist nicht dasselbe wie Mitleid. Im Mitleid übergebe ich dem Schmerzkörper die Herrschaft über mich und lasse mich von ihm überfluten. Ich sage dem Schmerzkörper: Ich bin genau der, für den du mich hältst.

Aber wahrscheinlich redet man dann gar nicht mehr mit dem Schmerzkörper. Man verkörpert ihn einfach. Man ist identisch mit ihm. Daher bemitleidet man sich selbst.

Das Mitgefühl ist etwas ganz anderes.
Beim Mitgefühl nehme ich das, was mich schmerzt immer wieder aufmerksam wahr. Und dann entlasse ich es wieder.

Der Schmerz hat ja die wunderbare Eigenschaft, dass er nicht statisch ist, sondern sich verändert. Er nährt sich von meinen Gedanken, aber er mag kein Mitgefühl. Vor dem Mitgefühl weicht er.

Er wird dann so weich und so leicht, wie ich es selber meinem Wesen nach bin. Wenn wir es eine gute Weile mit dem Schmerz aushalten und ihn sich ausweinen lassen – und das vielleicht mit Unterstützung eines Menschen, der mir nahesteht, dann hat es sich irgendwann ausgeweint und ausgeschmerzt und auf einmal bin ich wieder versorgt mit innerer Kraft und richte mich wieder auf die Gegenwart aus.

Der Schlüssel dazu liegt allein in mir, nicht bei anderen Menschen und nicht in den Verhältnissen, die sich erst gebessert haben müssen, damit ich keinen Schmerz mehr zu empfinden brauche.

Bei solch einem Vorgehen entsteht in mir ein Freiraum. Es darf alles sein, auch das Schmerzliche. Erst der Widerstand gegen das Schmerzliche macht es mächtig. Bin ich einverstanden damit, dass ich jetzt etwas Schmerzliches erfahre, ist es so. Und es darf so sein. Ich bin im Frieden damit.

Der Schmerzkörper löst sich in dem Augenblick auf, in dem wir ihn in Ruhe lassen.

Wir schenken ihm Aufmerksamkeit, aber wir lassen ihn in Ruhe. Wir greifen nicht ein. Wir verändern unser inneres Erleben nicht. Wir manipulieren und unterdrücken es nicht. Wir betäuben es auch nicht.

Und wie viel Zeit braucht es, bis ich vom Schmerzkörper frei werde?

Die Antwort lautet: gar keine.

Wenn der Schmerzkörper aktiviert ist, muss ich nur erkennen, dass das, was ich fühle, der Schmerzkörper in mir ist. Ich fühle, aber das ist noch längst nicht alles. Diese Erkenntnis ist alles, was ich brauche, um die Identifikation zu unterbrechen.

Hört die Identifikation auf, beginnt die Verwandlung.

PS: wir erstellen gerade einen Online-Kurs zum Thema „Selbstliebe / Selbstmitempfinden erfahren“.

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